Der Fluch von 12 Episoden Animes

Teil 2 der Reihe “Anime-Industrie”

Wir alle lieben Animes. Sonst wären wir ja gar nicht hier. Es gibt nichts schöneres, als seinen neuen liebgewonnenen Anime anzusehen und mit zu erleben wie die Spannungskurve in die Höhe schießt. Die Ernüchterung folgt, wenn es dann schon wieder zu ende ist nach kurzer Zeit.

Ihr wisst dann wohl, worauf ich hinaus will: Nach nur 12 Episoden ist der Anime etwa schon vorbei? Diese Frage und auch mit den Hintergründen befassen wir uns in dem heutigen Beitrag. Denn nicht jeder weiß, dass dahinter viel mehr steckt, als man es glauben könnte. Noch vor vielen Jahren gingen Anime-Produktionen deutlich länger als nur 12 Episoden. Es gab natürlich auch zur damaligen Zeit viele Animes, die exakt eine Season laufen sollten. Doch existieren wesentlich mehr Animes mit mehr als nur 12 Episoden.

Doch beschäftigen wir uns zunächst mit der Frage, wieso es in letzter Zeit immer mehr 12 Episoden-Animes gibt. War es früher denn anders?

Passend zu bestimmten Seasons: Wieso sind viele Animes nur 12 Episoden lang?

Die meisten von euch wissen, dass jeweils eine komplette Season abgedeckt werden soll. Animes erscheinen in Japan nur einmal in der Woche. Bei 12 Episoden ergeben das 12 Wochen, oder auch 3 Monate. Sind diese 3 Monate vorbei, beginnt die nächste “Season”. Quartals-mäßig erscheinen also immer wieder neue. Es gibt natürlich auch Animes, die nicht pünktlich zur neuen Season starten.

Heute, wo ich diesen Beitrag schreibe, folgt die Frühlings-Season. Die nächste Season beginnt im Juli und dauert – mit wie schon erwähnt Ausnahmen – drei Monate. Folglich beginnt die nächste Season im Oktober. Und so nimmt es praktisch seinen Lauf.

Die Problematik der 12 Episoden-Animes: Ein Dilemma

Meinungen schwirren umher, die besagen dass 12 Episoden definitiv zu wenig sind. Wieso ist das so? Immerhin gibt es Animes die deutlich länger gehen, mit vielen Filler-Folgen. Und nicht jeder mag diese sogenannten Filler-Folgen.

Exakt solche Episoden finden wir zuhauf in Erfolgreichen Animes wie One Piece, Naruto, Detektiv Conan und Fairy Tail. Diese sind auch ein Beispiel, wie erfolgreich ein Anime sein kann. Denn viele besitzen bereits rund 200 bis 300 Episoden, einige liegen sogar bereits mit fast dem vierfachen über diesen Zahlen. Doch wieviele Episoden sind hier als Filler-Folgen betroffen? Im Beispiel von Detektiv Conan, gibt es bei einer Produktion von bereits 855 Episoden (Stand: 07.05.2017), rund 331 Filler-Folgen. Das sind allerdings Extrem-Beispiele und haben bei unserem Thema nur wenig Relevanz.

Kehren wir nun also zurück zu den 12 Episoden-Animes, geben diese wenig bis kaum Spielraum für Filler-Folgen oder sonstige “unrelevante Inhalte”. Hier werden diese “Kurz-Season Animes” dafür gelobt. Doch handelt es sich dabei wirklich um eine ernst zu nehmendes Argument?

Bei einem Anime geht es immerhin darum, dass sowohl die Story-Elemente, als auch die Charakterentwicklung sich voll und ganz entwickeln kann, ohne dass der Fokus auf den eigentlichen Storyteil verloren geht. Bei nur 12 Episoden kann das allerdings tatsächlich schief gehen, denn obwohl in der Regel einige Zeit für die Charakterentwicklung investiert wird, stehen Regie und Episoden-Verantwortliche vor einem natürlichen Problem: Zeit. Ein Flop droht, wenn die Geschichte zu wirr verpackt wird.

Wenn wir ehrlich sind, gab es schon einige Animes wie etwa Charlotte, die es geschafft haben innerhalb von wenigen Episoden eine Fülle an Zeitsprüngen unterzubringen. Das hat viele Zuschauer leider verwirrt, was den Anime nicht selten in ein eher schlechteres Licht gerückt hat.

Der Hintergrund: Risiken und Gefahren bei einem Flop

Dass Animes lediglich eine Season abdecken sollen, und bei Erfolg eine weitere Staffel folgen wird, ist nicht der einzige Grund. Zumindest als weiterer Faktor wäre da noch, sollte sich ein Anime als Flop erweisen, sind die Kosten hierfür nicht allzu hoch gewesen.

Wieso hat Anime nur 12 Episoden?Um Animes zu produzieren gehört mehr dazu. | © Anime: Shirobaku

Für die Produktion von Animes wird sehr viel Geld investiert. Sollte er tatsächlich nicht gut ankommen, kann das in einem ohnehin wirtschaftlich gebrochenem Land, für ein Studio in einem ziemlichen Chaos enden.

Es gibt dazu umfassend viele Aussagen, die unterschiedlicher nicht sein können. Der ungefähre Durchschnittswert bei einem 12-Episoden Anime liegt bei rund 150.000 bis 300.000 US-Dollar pro Episode. Masamune Sakaki, ein CG-Animator, berichtete dass die durchschnittlichen Produktionskosten bei einem 13-Episoden-Anime bei 2 Mio US-Dollar liegen. Bei einem Anime wurde Takayuki Nagatani konkreter: “Shirobaku” kostete in der Produktion ganze 4 Mio US-Dollar mit seinen 24 Episoden. Shinji Takamatsu, ein sehr erfahrener in der Anime-Industrie erklärt, dass der Vertrieb und Verkauf von Animes allein ein Verlustgeschäft ist. Um das zu kompensieren, ist der Verkauf von Merchandise-Artikel unabdingbar. Das betrifft offenbar alle Mitternacht-Animes.

War es schon immer so?

Sieht man sich die Liste der Animes und ihre Episodendauer vor der Wirtschaftskrise an, die übrigens die gesamte Welt betroffen hat, sieht man viele Animes mit weit mehr als 12 Episoden.

Es sollte kein Geheimnis sein, dass gerade dadurch in der Industrie auch ein Umdenken stattgefunden hat. Viele Unternehmen konnten sich auch gar nicht mehr davon erholen.

Rezessionen, Wirtschaftskrisen und Einbrüchen in der Demographie | © Anime: Welcome to the NHK

Tatsächlich war die Zahl der Animes mit weit über 12 Folgen fast gleichauf mit Anime-Produktionen von rund 12 oder 13 Episoden im Jahre 2007-2009. Heute überwiegt die Zahl von 12 Episoden-Produktionen gegenüber der 22 bzw. 24-Serien Produktionen 2016 und 2017 (Liste unvollständig).

Ein weiterer nicht gerade unwesentlicher Faktor ist auch die Geburtenrate und die immer stärker auffallende Rezension, in der Japan sich befindet, bis es schließlich zum Zusammenbruch der DVD-Verkäufe kam (Quelle). Leider ist Japan nicht von positiven Nachrichten aus der Wirtschaft geprägt, was allerdings ein Thema ist, welches einen eigenen Beitrag in eher japanischen Blogs bekommen sollte.

Japanische Fernsehsender haben in diesem Zeitraum auch über den Einbruch des Anime-Marktes im Ausland berichtet. Von 2003 bis 2007 ergab sich ein Verlust von 2 Mrd. US-Dollar, die mit der Fan-Subbing-Szene in Verbindung gebracht wurde.

Ein nicht zu verachtender Grund und eine Ursache der 12-Episoden Problematik. Attack on Titan, ein ziemlich erfolgreicher Anime, der sich innerhalb kürzester Zeit eine riesige Fanbase aufgebaut hat, blieb ebenso nicht verschont. Obwohl die erste Staffel bei 25 Episoden lag, besaß die zweite Staffel plötzlich nur 12 Episoden. Wieso also trotz Popularität nur 12 Episoden? Auch das ist ein nicht gerade unwesentlicher Faktor, den wir ebenso nun ausführen werden.

Animes – ein Verlustgeschäft – auch für die Animatoren

Ist Anime tatsächlich ein Verlustgeschäft für die Animationsstudios? In einem Forenpost wurde (leider ist die Originalquelle nicht mehr aufrufbar) interessante Daten und Zahlen bis zum Jahr 2016 gepostet, die über wirtschaftlichen Zahlen verschiedener Animationsstudios Aufschluss geben.

Doch wie sieht es eigentlich bei den Animatoren aus? Bei unserem letzten Artikel haben wir über einen Animator geschrieben, der einige Fragen bzgl. der Animatoren beantwortet hat.

Animatoren arbeiten viel, erhalten wenig Anerkennung?

Die wahren Verlierer hinter Animes sind die Personen, die ihre Zeit in die Produktion stecken. Viele von uns hegen sicherlich den einen oder anderen Wunsch, als Animator zu arbeiten. Einen eigenen Anime zu produzieren. Das muss doch sehr interessant sein, mit netten Kollegen und fröhlichen Gesichtern. Tatsächlich allerdings liegt hinter der Fassade ein knallhartes Unternehmen, aus welchen Animatoren und andere Produzenten kaum noch heraus kommen.

Kaum Freizeit: Angestellte in der Anime-Industrie. | © Anime: Shirobaku

Big Player wie etwa Amazon oder Netflix haben entdeckt, dass der Anime-Markt gar nicht so un-lukrativ erscheint wie zunächst gedacht. Die Folge: Sie wollen ebenso ein Stück vom Kuchen haben. Vom sehr großen Kuchen. Die Aufträge steigen und die Zahl der neuen Anime-Produktionen aber auch Fortsetzungen schießen in die Höhe. Investoren, besonders aus China, erwarten mehr Produktionen.

Zahlen der Neuproduktionen und Fortsetzungen von Animes | © Thomas Remain / Twitter

Was ist also somit die logische Schlussfolgerung? Richtig, mehr Arbeitsplätze. Doch leider lassen sich Wirtschaftliche Theorien nicht immer und überall universell umsetzen. Der Job in der Anime-Industrie wird gemieden. Es fehlt qualifiziertes Personal.

Doch das ist leider nicht genug. Gerade weil der Job gemieden wird, fehlt es an Nachwuchskräften. Schulen die in diesem Bereich ausbilden und auf den Job in der Anime-Industrie vorbereiten sollen schließen, weil es kaum Freiwillige für das Arbeitsumfeld melden.

Theoretisch greifen Animationsstudios jetzt schon zu Hilfskräften aus dem Ausland, doch leider ist auch dies mit Problemen behaftet: Aushilfskräfte haben nur beschränktes Aufenthaltsrecht. Um auch den nachteiligen Demographie-wandel auszugleichen, müsste Japan mit Einwanderern vorlieb nehmen. Doch ab hier teilen sich die Geister. Japan ist traditionell geprägt und Ausländer haben es zusätzlich noch schwer.

Kaum jemand will noch freiwillig in der Produktion arbeiten | © Anime: Shirobaku

Die Folge: Verzögerte Starts, verpatze Animationen durch Einstellung von immer mehr Freiberuflichen oder Anfängern, mehr Quantität oder Animes mit wenigen Folgen. Besonders zu Punkt Zwei gibt es einige Beispiele. So wurde Dragonball Super bei der Ausstrahlung sehr stark von der Community kritisiert, weil die Animation furchtbar war. Diese wurde schließlich in der BD-Version geringfügig verbessert. Leider verspielte sich Toei Animation bei vielen Fans das Vertrauen und besonders den Respekt. Dragonball Super ist auch nicht das einzige Beispiel. Auch Sailor Moon Crystal musste ebenso in der BD-Version angepasst werden.

Obwohl Animationen in der Verkaufsfassung nicht selten “überarbeitet” werden, war dieser Fall einer der ersten, der zu noch größerer medialer Aufmerksamkeit kam, gerade durch die verheerenden Beispiele.

Doch Moment mal! Bei erfolgreichen Animes müssten doch die Animationsstudios sich dumm und dämlich verdienen! Oder etwa nicht? Laut dem Insider und Animator Tomas Romain leider nicht. Denn die Einnahmen, die generiert werden, sehen die Personen, die Nächtelang gearbeitet haben, gar nicht.

Ein relativ aktuellerer Bericht zeigt sich allerdings unter weiblichen Schulmädchen, die den Wunsch hegen, ihren Beruf in einem Animationsstudio auszuführen (14 % der Befragten). Die Zahl der weiblichen Produzentinnen übersteigen die der männlichen Produzenten um das vierfache. Paradoxerweise sind die Frauen erstmal dort angekommen, werden sie schließlich mit sehr vielen Problemen konfrontiert. Dies widmen wir allerdings einem eigenen Beitrag.

Leider ist es nicht so einfach, wirklich ausführlich darüber zu recherchieren. Denn es ist ein Geschäft, in welchem es um viel Geld geht. Animes, die uns in vielerlei Hinsichten bereichern, und dahinter doch weit mehr steckt als angenommen. Der heutige Beitrag spiegelt nicht einmal die volle Bandbreite. Wöchentlich erscheinen immer mehr “Skandale” oder “Erfahrungsberichte”. Doch gerade im Hinblick dessen, wofür wir unser Geld, für eine Leidenschaft und unser Hobby investieren, müssen wir auch die Schattenseite des Geschäfts kennen. Und als Fan sind einem doch leider die Hände gebunden, denn selbst deutsche Publisher oder Crunchyroll werden ebenso kaum Einfluss darauf nehmen können.

 

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